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Essay

Ich bin da.

Nina Diermayr · 3 Minuten Lesezeit

Essay-Cover: Drei Kinder mit Kochlöffeln und Schwingbesen – „wenn es laut wird“

Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die da sind.

Es gibt Tage,
an denen unser Zuhause laut ist.
Richtig laut.

Jemand weint.
Zwei streiten.
Einer knallt die Tür.
Die Milch läuft über.
Das Abendessen wird kalt.

Und irgendwo dazwischen verliere auch ich manchmal die Geduld.
Ich werde lauter,
als ich es eigentlich sein möchte.
Ich antworte zu schnell.
Zu streng.
Manchmal sogar ein wenig kindisch.

Früher dachte ich,
genau diese Momente würden entscheiden,
ob ich eine gute Mutter bin.

Heute glaube ich etwas anderes.
Nicht diese Minuten prägen unsere Kinder.
Sondern das,
was danach kommt.

Dass wir bleiben.
Dass wir wieder zueinanderfinden.
Dass wir uns entschuldigen können.
Dass wir in den Arm nehmen.
Dass wir den Tag nicht mit dem Streit beenden,
sondern mit Nähe.

Ich glaube,
Kinder brauchen keine perfekten Eltern.
Sie brauchen Eltern,
die bleiben.
Die greifbar sind.

Nicht unnahbar.
Nicht fehlerlos.
Sondern echt.
Mal laut.
Mal leise.
Mal stark.
Mal erschöpft.
Aber da.

Vielleicht bedeutet Nähe genau das.
Nicht, dass nie etwas passiert.
Sondern, dass wir immer wieder zueinanderfinden.

Dass Liebe nicht davon abhängt,
ob ein Tag gelungen ist.
Nicht davon, ob die Hausaufgaben gut gelaufen sind.
Ob Geschwister friedlich gespielt haben.
Oder ob alle freundlich miteinander gesprochen haben.

Liebe bleibt.
Auch dann,
wenn es hessig wird.
Auch dann,
wenn alle gleichzeitig etwas brauchen.
Auch dann,
wenn das Nervensystem längst an seine Grenzen gekommen ist.
Vielleicht gerade dann.

Denn genau dort lernen Kinder etwas,
das sich mit Worten kaum erklären lässt.
Dass Beziehungen tragen.
Dass man Fehler machen darf.
Dass Wut vorbeigeht.
Dass Streit vorbeigeht.
Dass Enttäuschung vorbeigeht.
Aber Liebe bleibt.

Gerade in unserer Familie,
in der Neurodivergenz zum Alltag gehört,
gibt es viele intensive Momente.
Mehr Reize.
Mehr Emotionen.
Mehr Situationen,
die Kraft kosten.

Es wäre leicht,
diese Tage nur über ihre Anstrengung zu beschreiben.
Aber das wäre nicht die ganze Wahrheit.
Die ganze Wahrheit ist eine andere.

Wenn abends alle schlafen,
gehe ich manchmal noch einmal durch die Zimmer.
Ganz leise.

Ich sehe drei Kinder.
Drei völlig unterschiedliche Persönlichkeiten.
Drei kleine Menschen,
die mir jeden Tag aufs Neue vertrauen.

Und plötzlich ist alles,
was tagsüber so gross erschien,
ganz klein geworden.
Dann bleibt nur noch Dankbarkeit.
Eine Dankbarkeit,
für die ich kaum Worte finde.

Drei gesunde Kinder.
Drei Leben,
die ich begleiten darf.

Ja, eines davon braucht besonders viel Aufmerksamkeit.
Mehr Geduld.
Mehr Kraft.
Mehr Präsenz.

Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb,
spüre ich jeden Abend dasselbe.
Alles ist gut.
Nicht, weil alles leicht wäre.
Sondern weil wir zusammen sind.

Vielleicht bedeutet Geborgenheit genau das.
Nicht, dass nie gestritten wird.
Nicht, dass niemand laut wird.
Nicht, dass Eltern alles richtig machen.
Sondern, dass Kinder tief in sich wissen:
Die Liebe geht nicht weg.

Dass da ein Platz ist, an den sie immer zurückkehren dürfen.
Eine Umarmung.
Eine Stimme.
Ein Blick.
Ein Zuhause.

Ich wünsche mir,
dass meine Kinder sich später nicht daran erinnern, ob ich immer geduldig war.
Ich wünsche mir, dass sie sich an etwas anderes erinnern.

An das Gefühl,
dass ich da war.
Dass sie sich anlehnen konnten.
Dass sie getragen wurden.
Nicht von meiner Perfektion.
Sondern von meiner Liebe.

Vielleicht ist genau das der schönste Lieblingsraum, den wir einem Menschen schenken können.
Nicht ein perfekt eingerichtetes Zuhause.
Sondern das tiefe Gefühl:
Ich bin da.
Egal, was kommt.

Nina