Essay
Ich bin auch noch da.
Nina Diermayr · 3 Minuten Lesezeit

Würde entsteht nicht durch eine Aufgabe. Sondern durch die Haltung, mit der wir ihr begegnen.
Vor einiger Zeit habe ich im NZZ-Magazin ein Interview mit der 99-jährigen Doris Gisler Truog gelesen.
Ein Satz hat mich nicht mehr losgelassen.
„Ich durfte im Haushalt meiner Mutter nichts anrühren. Sie erzog mich dazu, nie Hausfrau zu werden.“
Ich musste diesen Satz mehrmals lesen.
Nicht, weil ich ihm widersprechen wollte.
Sondern weil ich mich gefragt habe, wie sehr sich unsere Fragen verändert haben.
Doris Gisler Truogs Mutter wollte ihrer Tochter ein anderes Leben ermöglichen.
Ein unabhängiges.
Ein freies.
Für ihre Generation war das ein mutiger Gedanke.
Und heute?
Heute dürfen Frauen fast alles sein.
Ärztin.
Unternehmerin.
Künstlerin.
Politikerin.
Oder Hausfrau.
Eigentlich haben wir die Freiheit zu wählen.
Und trotzdem frage ich mich manchmal, ob wir auf dem Weg dorthin etwas verloren haben.
Nicht die Freiheit.
Sondern die Würde jeder einzelnen Rolle.
Vielleicht schätzen wir manche Tätigkeiten höher ein als andere.
Nicht bewusst.
Aber ganz leise.
Fast unmerklich.
Als hätte das Sichtbare mehr Wert als das Verborgene.
Als wäre eine Arbeit bedeutender, nur weil sie auf einer Visitenkarte steht.
Dabei glaube ich immer mehr:
Würde entsteht nicht durch eine Aufgabe.
Sondern durch die Haltung, mit der wir ihr begegnen.
Vielleicht zeigt sich das gerade in den Tätigkeiten, über die kaum jemand spricht.
Der eine fährt den Müllwagen.
Die andere begleitet ihre Kinder durch den Tag.
Jemand pflegt kranke Menschen.
Jemand baut Häuser.
Jemand entwickelt neue Medikamente.
Jemand räumt das Frühstücksgeschirr weg.
Und keine dieser Tätigkeiten ist weniger wert, nur weil sie weniger sichtbar ist.
Vielleicht ist genau das Würde.
Nicht die Aufgabe.
Sondern die Haltung.
Vielleicht frage ich mich deshalb so oft, warum Mütter ihren Alltag so häufig rechtfertigen.
Warum sie sagen:
„Ich habe keine Zeit.“
„Ich habe heute nichts Besonderes gemacht.“
„Ich bin ja nur zu Hause.“
Dieses kleine Wort.
Nur.
Vielleicht gehört es zu den traurigsten Wörtern überhaupt.
Denn es macht klein, was jeden Tag Grosses trägt.
Vielleicht braucht unsere Zeit deshalb etwas anderes.
Nicht mehr Freiheit.
Sondern mehr Mut.
Den Mut, den Wert des eigenen Lebens nicht länger an seiner Sichtbarkeit zu messen.
Den Mut, sich selbst wichtig zu nehmen.
Den Mut, den eigenen Weg zu gehen – auch wenn er nicht spektakulär aussieht.
Vielleicht meinte Doris Gisler Truog genau das, als sie sagte:
„Zeigt mehr Stolz und mehr Mut.“
Ich verstehe diesen Satz heute nicht als Aufforderung, lauter zu werden.
Sondern aufrechter.
Mit mehr Vertrauen in den eigenen Weg.
Mit mehr Achtung vor dem eigenen Alltag.
Und vielleicht beginnt genau dort eine neue Form von Freiheit.
Nicht in der Frage, was wir sein dürfen.
Sondern darin, dass wir aufhören, den Wert unseres Lebens ständig beweisen zu müssen.
Denn am Ende wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der sich niemand dafür entschuldigen muss, wie er sein Leben gestaltet.
In der eine Mutter ebenso selbstverständlich mit Stolz von ihrem Alltag erzählen darf wie eine Unternehmerin von ihrer Firma.
In der Würde nicht vom Beruf abhängt.
Nicht vom Gehalt.
Nicht vom Titel.
Sondern von der Art, wie wir unserem Leben begegnen.
Und vielleicht beginnt genau dort der schönste Satz, den wir uns selbst sagen können:
Ich bin auch noch da.
Nina

