Essay
Meine Kinder dürfen mich beim Nichtstun beobachten.
Nina Diermayr · 5 Minuten Lesezeit

Denn Nichtstun bedeutet nicht immer, nichts zu tun. Manchmal bedeutet es, wahrzunehmen, was man gerade braucht.
Es gibt Menschen, die meditieren.
Andere gehen laufen.
Manche schreiben Tagebuch.
Ich stehe morgens vor dem Spiegel.
Und nein.
Es geht dabei nicht nur um Make-up.
Nicht nur um Schönheit.
Nicht nur darum, die beste Version meiner selbst zu erschaffen.
Es geht um etwas, das viel leiser ist.
Und vielleicht viel wichtiger.
Es ist ein tägliches Ritual.
Eine Begegnung.
Mit mir selbst.
Mit dem, was dieser Tag schon in meinem Gesicht hinterlassen hat.
Mit der Müdigkeit.
Mit der Freude.
Mit den Gedanken, die noch ungeordnet sind.
Mit der Unsicherheit.
Mit allem, was sich zeigt.
Unverblümt.
Ohne Filter.
Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt:
„Ich schminke mich.“
Heute würde ich sagen:
„Ich sammle mich.“
Nicht um zu fragen:
Wie sehe ich heute aus?
Sondern:
Was brauche ich heute?
Brauche ich mehr Geduld?
Mehr Mut?
Mehr Leichtigkeit?
Mehr Nachsicht mit mir selbst?
Es ist ein stilles Gespräch.
Zwischen meinem Spiegelbild und mir.
Und manchmal dauert es fünf Minuten.
Manchmal länger.
Nicht, weil ich länger brauche, um mich zu schminken.
Sondern weil ich länger brauche, um ehrlich bei mir anzukommen.
Vielleicht beginnt Selbstfürsorge genau dort.
Nicht im Verschönern.
Sondern in der Versöhnung.
Nicht im Optimieren.
Sondern im ehrlichen Hinschauen.
Nicht in der Frage, wie ich auf andere wirke.
Sondern in der Frage:
Wie geht es mir heute eigentlich?
Vielleicht sieht dieses Ritual bei jedem Menschen anders aus.
Die eine schminkt sich.
Der andere geht laufen.
Jemand trinkt seinen ersten Kaffee ganz bewusst.
Jemand geht mit dem Hund.
Eine andere öffnet das Fenster und atmet für einen Moment die kühle Morgenluft.
Manche meditieren.
Andere schreiben ein paar Zeilen in ein Notizbuch.
Es spielt keine Rolle, wie dieses Ritual aussieht.
Entscheidend ist etwas anderes.
Dass wir uns selbst darin begegnen.
Nicht flüchtig.
Nicht nebenbei.
Sondern mit der Bereitschaft, wirklich hinzusehen.
Vielleicht ist genau das etwas, das im Alltag leicht verloren geht.
Nicht, weil wir uns selbst unwichtig wären.
Sondern weil so vieles andere zuerst kommt.
Die Kinder.
Die Arbeit.
Die Termine.
Das Organisieren.
Das, was noch erledigt werden muss.
Und irgendwann merkt man vielleicht:
Ich komme in meinem eigenen Alltag kaum noch vor.
Vielleicht beginnt Selbstachtung deshalb nicht mit etwas Grossem.
Sondern mit der leisen Entscheidung, sich selbst nicht immer zuletzt zu nennen.
Kürzlich sagte ich zu meinen Kindern:
„Die Mama liebt euch über alle Massen.
Aber die Mama liebt auch die Mama selbst.
Und deshalb möchte ich jetzt einfach dort sitzen, meinen Kaffee trinken und ihn geniessen.“
Früher hätte ich diesen Satz vielleicht erklärt.
Heute erkläre ich ihn nicht mehr.
Denn ich wünsche mir, dass meine Kinder genau das lernen.
Dass Liebe nicht bedeutet, sich selbst zu vergessen.
Dass Fürsorge nicht dort endet, wo man selbst beginnt.
Und dass sie mich beim Nichtstun beobachten dürfen.
Dieser Satz geht gerade uns Frauen vielleicht erstaunlich schwer über die Lippen:
Meine Kinder dürfen mich beim Nichtstun beobachten.
Nicht beim Arbeiten.
Nicht beim Aufräumen.
Nicht beim Organisieren.
Sondern beim Nichtstun.
Beim Sitzen.
Beim Lesen.
Beim Musikhören.
Beim Blick aus dem Fenster.
Vielleicht beim Yoga.
Oder einfach mit einer Tasse Kaffee in der Hand.
Denn Nichtstun bedeutet nicht immer, nichts zu tun.
Manchmal bedeutet es, wahrzunehmen, was man gerade braucht.
Und genau das möchte ich meinen Kindern vorleben.
Nicht, welches Ritual das richtige ist.
Sondern dass es wichtig ist, die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen.
Denn vielleicht lernen Kinder Selbstfürsorge nicht dadurch, dass wir sie ihnen erklären.
Vielleicht lernen sie sie vor allem dadurch, dass sie uns dabei zusehen.
Dass sie erleben, wie wir innehalten.
Wie wir merken, dass wir müde sind.
Wie wir uns eine Pause erlauben, obwohl noch etwas zu tun wäre.
Wie wir lesen, Musik hören, Yoga machen oder einfach aus dem Fenster schauen.
Nicht jeder Mensch braucht dasselbe.
Aber jeder Mensch darf lernen, herauszufinden, was ihm guttut.
Ich wünsche mir, dass meine Kinder mich deshalb nicht nur arbeiten sehen.
Nicht nur organisieren.
Nicht nur funktionieren.
Sondern auch innehalten.
Nicht, weil ich nichts Besseres zu tun hätte.
Sondern weil sie erleben dürfen, dass ein Mensch sich selbst wichtig nehmen darf.
Ohne schlechtes Gewissen.
Ohne Rechtfertigung.
Vielleicht ist genau das das grösste Geschenk, das wir unseren Kindern machen können.
Nicht perfekte Eltern zu sein.
Sondern Menschen.
Menschen, die ihre Grenzen kennen.
Die freundlich mit sich selbst sprechen.
Die sich eine Pause erlauben.
Die sich nicht erst erschöpfen müssen, bevor sie sich selbst Aufmerksamkeit schenken.
Erst vor einiger Zeit sagte mir wieder eine Mutter:
„Ich habe keine Zeit zu lesen.“
Und ich glaube ihr.
Aber vielleicht fehlt uns manchmal weniger die Zeit als die Erlaubnis.
Die Erlaubnis, nicht nur zu funktionieren.
Die Erlaubnis, uns selbst wichtig zu nehmen, obwohl noch etwas anderes zu tun wäre.
Nicht, weil unsere Verantwortung kleiner geworden ist.
Sondern weil wir selbst ebenfalls Teil dieses Lebens sind.
Vielleicht braucht es dafür ein wenig Mut.
Den Mut, anders zu sein.
Den Mut, nicht ständig gefallen zu müssen.
Den Mut, den eigenen Rhythmus wiederzufinden.
Den Mut, innezuhalten.
Vielleicht beginnt genau dort der eigentliche Lieblingsraum.
Nicht zwischen vier Wänden.
Sondern in dem stillen Moment,
in dem wir uns selbst mit Würde begegnen.
Nina

